Androgenetische Alopezie: Wann muss behandelt werden?

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Beim androgenetischen Haarausfall bleibt der Hinterkopf ausgespart. © iStock.com/TuTheLens

Soll man jeden Haarausfall behandeln? Keineswegs! Denn die androgenetische Alopezie ist an sich ein physiologischer Alterungsprozess. Therapiebedürftig ist sie erst bei übermäßiger Ausprägung. Differenzialdiagnostisch müssen Simulatoren in den Blick genommen werden.

Androgenetische Alopezie (AGA) ist ein Telogeneffluvium. Es kommt zu einer Verkürzung der Wachstumsphase (Anagen) mit frühem Übertritt in die Ruhephase (Telogen) und damit einer Verkürzung der Haarlänge. Die unterschiedliche Androgensensitivität der Kopfhautregionen sorgt für die typische Verteilung.

Zwischen Männern und Frauen zeigen sich zwar gewisse Unterschiede im Muster des zentralen oder frontalen Haarverlusts. Der Hinterkopf bleibt aber in jedem Fall ausgespart. Das diffuse Telogeneffluvium dagegen betrifft die Gesamtheit der Haarfollikel, schreibt Dr. Pierre A. de Viragh, Dermatologe an der Universitätsklinik, Inselspital Bern.

Eisen- und B12-Mangel simulieren hormonelle Form

Spätestens ab dem Ende der Pubertät haben alle Menschen eine diskrete androgenetische Alopezie, die mit den Jahren zunimmt. Die Diagnose einer AGA ist deshalb nur im Zusammenhang mit der Altersnorm sinnvoll. Wird diese überschritten, kann eine Therapie erfolgen. Allerdings sollte man vorher nach Simulatoren fahnden, die eine konstitutionelle AGA imitieren.

Einer dieser Simulatoren ist das diffuse Telogeneffluvium. Durch den verstärkten Haarverlust bei noch normal scheinender okzipitaler Haarmenge kann es eine übermäßige AGA vortäuschen. Bei schneller Progression müssen Differenzialdiagnosen wie Hypo- und Hyperthyreose, Kollagenosen und chronische Erkrankungen ausgeschlossen werden.

Kopftuch zu eng?

Von den fibrosierenden Alopezien sind die vernarbenden Formen abzugrenzen. Sie finden sich vor allem bei Migrantinnen. Die Traktionsalopezie an Stirn und Scheitel sowie die Druckalopezie bilden sich durch zu eng getragene Kopftücher. Anfangs ist der Haarverlust noch reversibel, erst nach langanhaltender Schädigung kommt es zur Vernarbung.

Eine häufige Ursache für das diffuse Telogeneffluvium ist ein Mangel an Mikronährstoffen. Vor allem das Eisendefizit wirkt hier deletär, auch ohne Anämie. Besonders häufig betroffen sind menstruierende Frauen, nicht selten aber auch junge Männer im Wachstum oder bei intensivem Sport. Zur Sicherheit wird bei Haarausfall ein Ferritinwert von 50–70 µg/l empfohlen. Zudem ist Geduld gefragt: Bei einem Ausgleich des Eisenmangels ist eine Verbesserung des Haarwuchses erst nach 9–12 Monaten zu erwarten.

Ein weiterer AGA-Simulator ist die pseudohormonelle Alopezie: Typisch ist die Kombination einer schleichenden Haarausdünnung mit einem Mangel an Eisen und/oder Vitamin-B12. Therapeutisch genügt eine Korrektur des Defizits. Erklären lässt sich dieser Haarausfall durch die bei Eisenmangel eingeschränkte Funktion zweier haarrelevanter Enzyme, die zu einer lokalen Hyper­androgenie und ­Hypoöstrogenie führen. Auch für den Vitamin-B12-Mangel ist eine verstärkte Androgen­wirkung beschrieben.

Auf die „Pille“ der dritten oder vierten Generation wechseln

Nicht unterschätzen sollte man auch die hypoöstrogene Alopezie: Jeder Abfall im Östrogenspiegel kann bei Frauen zu einem diffusen oder AGA-ähnlichen Haarausfall führen. Zu den Auslösern zählt neben der Menopause auch die Behandlung mit Antiöstrogenen oder Aromatase­hemmern sowie die Kontrazeption mit einem einfachen Gestagenpräparat (Minipille). In all diesen Fällen generiert die Hemmung der Gonadotropine einen relativen Östrogenmangel.

Auch die kombinierte orale Kontrazeption und die Hormonersatztherapie mit einem Gestagen der ers­ten und zweiten Generation können wegen ihrer androgenisierenden Teilwirkung eine iatrogene AGA auslösen. Gleiches gilt für Hormonspiralen und den Hormonersatz mit Tibolon. In solchen Fällen hilft der Wechsel der „Pille“ bzw. der Hormonsubstitution zu einer Kombination mit einem Gestagen neutraler (dritte Generation) oder antiandrogener (vierte Generation) Wirkung.

Alopecia areata incognita braucht Immunsuppression

Auch eine moderne Chemo­therapie kann eine übermäßige androgenetische Alopezie imitieren. Bestimmte neue Therapieschemata führen zu einem totalen oder partiellen Haarverlust, der permanent anhält – mit definitiver Inaktivität der Follikel. Dabei wird der Haarverlust durch Aromatasehemmer und Antiöstrogene noch verstärkt.

Eine fortgeschrittene AGA kann auch die Alopecia areata incognita vortäuschen. Denn sie macht sich im Gegensatz zur bekannteren Alopecia areata nur mit einer diffusen Haarausdünnung, nicht mit Kahlstellen bemerkbar. Therapeutisch wird eine systemische Immunsuppression (Kortisonpulse, Methotrexat) empfohlen. Ähnliche Läsionen finden sich bei Lues und Lupus.

Das 100-Haare-Märchen

Bei Patienten hält sich die unselige Vorstellung, ein Verlust von 100 Haaren pro Tag sei normal. Physiologisch ist aber nur, was nicht zu einer über das Altersübliche hinausgehenden Haarausdünnung führt. Manche Patienten zählen sich täglich ihre Haare, obwohl auch ein starker Turnover bei ihnen nicht zu einer pathologischen Ausdünnung führt. Schwieriger sind Patientinnen, die selbst bei üblichem Umsatz einen krankhaften Haarausfall beklagen (psychogenes Pseudoeffluvium). Eine zugrundeliegende Dysmorphophobie kann bis zum Suizid führen.

Fibrosierende Variante bleibt trotz Behandlung irreversibel

Die androgenetische Alopezie kann in seltenen Fällen auch vernarbend verlaufen, mit einer Fibrosierung der Follikel. Eine energische Anti-AGA-Therapie mit einem potenten Hemmer der 5α-Reduktase wie Dutasterid im Off-Label-Einsatz vermag die Progression der fibrosierenden Alopezien in den meisten Fällen zu stoppen. Ein „Zurückwachsen“ der Haare ist nicht möglich.

Quelle: de Viragh PA. Swiss Med Forum 2018; 18: 900-906