Hirnstimulation auf dem Sofa: Wie riskant sind Neurotechnologien für den Privatgebrauch?

Autor: Michael Brendler

Finger weg von den vermeintlichen Hilfsmitteln der Neurotechnologie. © iStock/RichVintage

Medizingeräte aus der Neurotechnologie werden zunehmend der breiten Bevölkerung angeboten. So besorgen sich immer mehr Laien Apparate, um z.B. mittels Hirnstimulation an sich herumzudoktern. Das wird nicht ohne Nebenwirkungen bleiben, warnen Experten.

Im Bereich der Neurotechnologie wird gerne das Blaue vom Himmel versprochen: So soll es mit ihrer Hilfe z.B. gelingen, die Gedächtnisfunktion zu verbessern oder allgemein die Gehirnfitness zu fördern. Manche Anbieter lehnen sich sogar so weit aus dem Fenster, Menschen mit Verletzungen oder degenerativen Erkrankungen von Nerven und Neuronen eine deutliche Linderung ihrer Beschwerden zuzusichern. Und das alles in einem tragbaren Format, das nach den Aussagen der Industrie auch zum Hausgebrauch taugt.

Iris Coates McCall, Neuro­ethikerin der University of British Columbia in Vancouver und ihre Kollegen haben nun 41 derartige Angebote im Internet aufgestöbert und die mit ihnen verbundenen Versprechen samt der vorliegenden Evidenz einer genauen Prüfung unterzogen. „Das Wissen, welche ethischen Konsequenzen die breite Kommerzialisierung dieser Geräte hat, ist sehr beschränkt“, begründen sie ihre Bemühungen. Ziel der Gruppe sei es gewesen, diese Lücke zu schließen.

Guter Schlaf, bessere Laune und mehr Entspannung

Das Team stieß auf 22 aufzeichnende Apparate, z.B. EEG, und 19 stimulierende Geräte, die u.a. über trans­kranielle Elektroreize wirkten. Bei 31 der 41 Produkte behaupteten die Hersteller, sie würden das Wohlbefinden über Schlaf, Laune oder Entspannung steigern – teilweise, so vermuten die Forscher, als Kniff, weil die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA in diesem Bereich weniger genau hinschaut.

28 propagierten eine neurologische Stärkung, z.B. durch eine Verbesserung von Konzentration, Gedächtnis oder Kognition. Neun Objekte richteten sich an Kranke und verkündeten eine Linderung von Leiden wie Depression, Schmerzen, ADHS oder sogar ALS. Oft in perfider Weise indirekt, indem z.B. nicht über die Heilung selbst gesprochen wird, sondern über Eingriffe in neurologische Regelkreise, die hier vielversprechende Möglichkeiten bieten.

Wissenschaftlich untermauert waren diese Behauptungen selten. Nur acht Anbieter verwiesen auf Studien, die ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hatten. Die meisten anderen blieben bei vagen Bezügen zu allgemeinen wissenschaftlichen Konzepten, verwiesen sogar auf Nutzeraussagen oder auf eigene interne Forschungsergebnisse.

Auch mit Warnungen vor Nebenwirkungen und Risiken geizte knapp über die Hälfte der Anbieter. Möglicherweise würden die mit den Gebrauchsanweisungen nachgeliefert, spekulieren die Autoren, aber dann ist der Kauf eben bereits getätigt. Ein weiterer gern verwandter Trick: Die Belege zu erwähnen, die allgemein für die Leistungsfähigkeit einer Technologie wie der transkraniellen Magnetstimulation sprechen, aber nicht konkret auf die Vor- und Nachteile des eigenen Produktes einzugehen.

Bitte nicht zu Hause nachmachen

Benutzer könnten die Geräte mangels Informationen länger und intensiver einsetzen als vorgesehen. Ein Fachmann, der sie davon abhalten könnte, ist schließlich nicht in Sicht. Die Folgen eines solchen Verhaltens auf die Neuroplastizität lassen sich nicht einschätzen – es gibt keine entsprechenden Langzeitstudien. Was den Forschern aber noch mehr Sorgen bereitet: Effektive, evidenzbasierte Therapien könnten von Patienten abgelehnt werden, weil sie es vorziehen, den substanzlosen Versprechen der Hersteller Glauben zu schenken.

Regulation und Überwachung müssen schneller laufen

Dabei unterscheiden sich die Apparate z.B. bei der Zahl und Platzierung der Elektroden teilweise erheblich. Zudem setzen sich die Benutzer nach Meinung der Experten immensen Risiken aus (s. Kasten). Um sicherzustellen, dass die Menschen von dem Fortschritt in der Neurotechnologie profitieren, und zu verhindern, dass sie zu Schaden kommen, fordert das Forscherteam: Die Regulations- und Überwachungsmechanismen müssten so gestaltet werden, dass sie mit der rasanten Entwicklung auf dem Gebiet mithalten.

Quelle: Coates McCall I et al. Neuron 2019; 102: 728-731; doi: doi.org/10.1016/j.neuron.2019.03.026