Leitlinienempfehlung bei Anaphylaxie wird nicht umgesetzt

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Beim Management anaphylaktischer Reaktionen müssen offenbar sogar Notärzte noch dazulernen. © Konstanze Gruber – stock.adobe.com

Zumindest Notärzte sollten keine Berührungsängste mit Adrenalin haben. Aber selbst die lassen bei der Anaphylaxie die Ampulle zu oft im Koffer. Kaum verwunderlich, dass es bei der Verordnung von Autoinjektoren erst recht hapert.

In Europa liegt die Inzidenz von Anaphylaxien zwischen 7,9 und 9,6 pro 100 000 Einwohnern und Jahr. Und die Zahlen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen, berichtete Professor Dr. Margitta Worm von der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin Berlin. Das gilt vor allem für Kinder, die inzwischen etwa ein Drittel der Fälle ausmachen.

Hierzulande wird die lebensbedrohliche Hypersensitivitätsreaktion zu etwa 50 % durch Insekten, vorwiegend Wespen, verursacht. Auf Nahrungsmitteln beruhen ca. 30 %, der Rest geht auf Kosten von Medikamenten. Unter den Nahrungsmitteln führen ganz klar Erdnüsse die Liste der Auslöser an, bei den Arzneimitteln sind es Analgetika und Antibiotika.

Als Risikofaktoren für schwere Reaktionen gelten die Mastozytose, kardiologische und Schilddrüsenerkrankungen, Asthma bronchiale sowie die Einnahme von Betablockern. Es gibt zudem eine Reihe äußerer Komponenten, die Einfluss auf den Schweregrad nehmen, erklärte Professor Dr. Johannes Ring vom Haut- und Laserzentrum an der Oper in München. Dazu gehören Sport, Wetter und Klima, Stress, Infektionen, Alkohol, andere Medikamente und weitere Allergene. „Eine Summationsanaphylaxie ist die Regel, nicht die Ausnahme“, betonte der Kollege.

Schweregrade der Anaphylaxie
Grad
Symptome
Haut- und subjektive Allgemeinsymptome

Gastrointestinaltrakt
Respirationstrakt
Herz-/Kreis­lauf­system
I
Pruritus
Flush
Urtikaria
Angioödem*
---
II
Pruritus
Flush
Urtikaria
Angioödem*

Nausea
Krämpfe
Erbrechen

 

Rhinorrhö
Heiserkeit
Luftnot

 

Tachykardie (Anstieg > 20/min), Blutdruckabfall (> 20 mmHg syst.)
Arrhythmie
III
Pruritus
Flush
Urtikaria
Angioödem*

Erbrechen
Defäkation

 

 

Larynxödem
Bronchospasmus
Zyanose

 

Schock

 

 

 

IV
Pruritus
Flush
Urtikaria
Angioödem*

Erbrechen
Defäkation

 

 

Atemstillstand

 

 

 

Herzstillstand

 

 

 

* nicht obligatorisch, es müssen nicht alle Symptome auftreten
Ab Grad II sollte eine stationäre Überwachung über 24 Stunden erfolgen.

Die Haut ist praktisch immer betroffen

Die allergische Reaktion kann sich durch Prodromi ankündigen, heute als „subjektive Symptome“ bezeichnet. Prof. Ring nannte dazu:

  • kalter Schweiß
  • Flirren vor den Augen, Sehstörungen
  • Angstgefühl
  • Parästhesien an Handflächen, Fußsohlen oder im Genitalbereich
  • Hitzegefühl
  • abnormer Geschmack (z.B. Metall, Fisch)
  • Übelkeit In der Anamnese hilft das AMPEL-Schema (s. Kasten).

Den Auslösern nachforschen

Mit diesem Akronym-Schema kommen Sie der Anaphylaxie auf die Spur:

A: Allergien
M: Medikation
P: Patientenvorgeschichte
E: Ereignisse
L: letzte Mahlzeit

Der Schweregrad der manifesten Anaphylaxie definiert sich dann nach der Organbeteiligung, wobei die Haut praktisch immer betroffen ist und das schwerste Symptom die Richtung weist (s. Tabelle).

Die therapeutischen Allgemeinmaßnahmen umfassen Hilfe holen, Auslöser entfernen, Lagern (meist Trendelenburg-Lagerung, bei Asthma Oberkörper aufrecht), Versorgung ohne Latex, Volumen- und Sauerstoffgabe. Medikamentös stellt Adrenalin ab Grad II den wichtigsten Baustein dar, mahnte Prof. Ring. So steht es auch in der Leitlinie. Das Hormon antagonisiert die Hypovolämie, die Ateminsuffizienz und das Herzversagen. Echte Dosis-Wirkungsstudien existieren nicht, die gängigen Empfehlungen lauten 300–600 µg für Erwachsene (5–10 µg/kgKG), bei Kindern sind es 10 µg/kgKG. Ab dem 2. Lebensjahr werden 150 µg gegeben. Die Injektion erfolgt initial intramuskulär. Bleiben zwei Spritzen erfolglos, geht es intravenös in entsprechender Verdünnung weiter.

Nur jeder fünfte Notarzt greift zum Adrenalin

So weit die Theorie. Doch die Realität sieht anders aus. Während Notärzte die ebenfalls empfohlenen, aber untergeordneten Antihistaminika und Steroide noch regelmäßig und ohne Bedenken verabreichen, gibt höchstens jeder fünfte von ihnen Adrenalin. Das zeigen Daten der ADAC-Luftrettung.

Übersteht der Patient die Anaphylaxie, sollte er nicht darauf bauen, danach ohne Weiteres eine medikamentöse Prophylaxe zu erhalten. In der Notfall- und Primärversorgung bekommt gerade einmal die Hälfte aller Insektengiftallergiker eine Medikation für den Notfall verschrieben.

Zwei Autoinjektoren ab 100 kg Körpergewicht

Bei den Lebensmittelsensitiven sind es etwa 30 %, bei solchen mit einer Reaktion auf Medikamente nur 13 %. In spezialisierten Zentren sehen die Zahlen besser aus: Insektengift- und Lebensmittelallergiker erhalten zu beinahe 100 % eine Vorsorge, die Arzneiempfindlichen aber auch dort nur zu knapp 40 %. Was die indikationsgerechte Verschreibung eines Adrenalinautoinjektors angeht (s. Kasten): Die bekommen laut Prof. Worm insgesamt 37 % der Anaphylaxiepatienten in Notfall- und Hausarztpraxen und 84 % in den Zentren.

Indikationen für einen Adrenalinautoinjektor

  • systemische allergische Reaktion mit extrakutanen Symptomen auf potente Allergene (z.B. Erdnuss)
  • progrediente Schwere der Sym­ptomatik
  • anaphylaktische Reaktionen gegen nicht sicher vermeidbare Auslöser in der Anamnese
  • hoher Sensibilisierungsgrad mit erhöhtem Anaphylaxierisiko (vor Provokationstest)
  • Patienten, die schon auf kleinste Al­lergenmengen reagieren
  • Erwachsene mit Mastozytose (auch ohne bekannte Anaphylaxie)

Bei schwergewichtigen Patienten (> 100 kg), unkontrolliertem Asthma, erhöhtem Anaphylaxierisiko oder sehr schwerer Episode in der Vorgeschichte sowie schlechter notfallmedizinischer Versorgung am Wohnort sollten die Betroffenen sogar zwei Injektoren erhalten. „Manchmal ist das aus organisatorischen Gründen sinnvoll, etwa um einen in der Schule zu lagern“, meinte Prof. Ring.

Quelle: Allergologie im Kloster