Stottern bei Kindern und Jugendlichen im ersten Jahr behandeln

Autor: Dr. Anna-Lena Krause

Die Therapie sollte am besten noch vor Schuleintritt abgeschlossen sein. © iStock/AndreaObzerova

Stottern bei Kindern ist keineswegs Teil der normalen Sprechentwicklung. Bildet es sich nicht spontan zurück, sollte eine Therapie erfolgen. Denn die Störung kann Lebensqualität sowie schulische und berufliche Entwicklung stark beeinträchtigen.

Etwa jedes siebzigste Kind stottert. In der Regel tritt die Redeflussstörung mit zwei bis sechs Jahren auf. Bei den meisten bildet sie sich spontan innerhalb weniger Jahre zurück. In rund 1 % der Fälle persistiert sie jedoch bis ins Erwachsenenalter, für gewöhnlich ein Leben lang. Risikofaktoren hierfür sind:

  • männliches Geschlecht
  • ebenfalls dauerhaft stotternde Verwandte
  • Erstauftreten vor mehr als sechs bis zwölf Monaten
  • Symptomstart im Alter von mindestens drei bis vier Jahren
  • nicht abnehmende Stotterschwere in den ersten sieben bis zwölf Monaten

Häufigste Ursache ist eine zentralnervöse Sprech- und Sprechplanungsstörung, der eine genetische Disposition (Erblichkeit: 69–85 %) zugrunde liegt. Professor Dr. Katrin Neumann, Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am Katholischen Klinikum Bochum, plädiert dafür, diese Form als „originäres neurogenes nicht-syndromales Stottern“ zu bezeichnen. Seltener führt eine Hirnschädigung zur erworben neurogenen Form, oder es handelt sich um ein psychogenes Stottern. Originär neurogen syndromales Stottern tritt mitunter im Rahmen einer Trisomie 21 auf.

Ein Stottern liegt vor, wenn die Kriterien dafür (s. Tabelle) bei mindestens 3 % der geäußerten Silben erfüllt sind. Zur Quantifizierung empfehlen sich Audioaufnahmen mit mindestens 300 Silben.

StotternNormale Sprechunflüssigkeit, kein Stottern
Symptom
Beispiel
Symptom
Beispiel
Wiederholung von Lauten oder Silben„Bi Bi Bi Bi Bitte!“Wiederholung (mehrsilbiger) Wörter oder Phrasen„Lässt sich das ... lässt sich das nicht besser machen?“
Unterbrechung im Wort„Regen ... tonne“abgebrochenes Wort„Das hat noch niemand ver ...“
Lautdehnung„LLLLLLass mich in Ruhe!“Pause (gefüllt oder still)„Ich habe das äähm weggeworfen.“
Blockierung (hörbar oder stumm)„Ich ... kann das nicht“ („k“ mit Anspannung gesprochen)Revision von Wörtern„Das ist ein schönes ... kein schönes Programm.“

 

Bei Vermeidungsverhalten sofort mit der Therapie starten

Zudem werden in der Diagnostik das Begleitverhalten (wie Anspannung, Mitbewegungen, veränderte Sprechatmung, Flüstern, Vermeidungsverhalten) und die psychosoziale Belastung (z.B. Sprechangst, Frustration) erfasst. Bei Hinweisen auf eine psychische Begleitstörung bedarf es einer entsprechenden leitliniengerechten Diagnostik.

Hält das Stottern länger als 6–12 Monate an, sollte eine Therapie bei Phoniater-Pädaudiologen, Kinder-und Jugendpsychiatern oder Logopäden/Sprachtherapeuten erfolgen. Ein sofortiger Start ist erforderlich, wenn

  • mehrere Risikofaktoren für eine Stotterpersistenz vorliegen
  • lang dauernde Stotterereignisse mit Kontrollverlust und/oder Anstrengungsverhalten einhergehen
  • Symptome als belastend empfunden werden oder zu Vermeidungsverhalten führen oder
  • Teilhabe, Aktivität usw. beeinträchtigt sind

Wenn Kinder poltern

Eine seltenere Form der Redeflussstörung ist das Poltern. Es zeichnet sich durch unverständliches, zu schnelles und/oder irreguläres Sprechen aus. Manche Betroffene lassen Silben weg. Es werden aber im Gegensatz zum Stottern keine Silben wiederholt, sondern Wort- und Satzteile. Allerdings gibt es Stotter- Polter-Mischformen. Wie beim Stottern wird auch beim Poltern eine genetische Disposition angenommen. Therapeutisch haben sich Sprechrestrukturierungsstrategien aus der Stottertherapie als wirksam erwiesen.

Eine starke Evidenz und gute Langzeitwirkung auf das Stottern im Kindergartenalter hat die Lidcombe-Therapie. Die Eltern sollen als Kotherapeuten das flüssige Sprechen positiv verstärken und Stottern gelegentlich sanft korrigieren. Alternativ kommt die indirekte Methode infrage, bei der die Eltern die kommunikativen Anforderungen an die Fähigkeiten des Kindes anpassen.

Behandlung am besten vor dem Schuleintritt abschließen

Für Betroffene ab sechs Jahre besteht eine hohe Evidenz für sprechrestrukturierende Methoden, z.B. „fluency shaping“. Mithilfe verhaltenstherapeutischer Ansätze wird ein neues Sprechmuster erlernt, das alte „überlernt“. Anfangs gilt es, sehr langsam zu sprechen, Tempo und Schwierigkeitsgrad steigen dann allmählich.

Mit geringerer Evidenz, aber für jedes Alter geeignet ist zudem die Stottermodifikation. Hierbei werden Stotterereignisse mit einer speziellen Sprechtechnik „überarbeitet“. Begleitend kann man auch eine Software zur Stotterreduktion einsetzen. Allen Betroffenen empfiehlt Prof. Neumann außerdem die Anbindung an eine Selbsthilfegruppe.

Ohne Besserung nach drei Monaten sollte das Konzept umgestellt werden. Von Medikamenten, unspezifizierten Stottertherapien, Atemregulation oder Hypnose rät die Expertin ab. Die Therapie sollte möglichst vor dem Schulalter erfolgreich abgeschlossen sein. Depressionen, Angst- und Sprachentwicklungsstörungen werden zusätzlich behandelt.

1. Neumann K. Monatsschr Kinderheilkd 2019; 167: 453-466
2. S3-Leitlinie „Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen“, AWMF-Registernummer 049-013