Eine Million Bluttransfusionen wären in Deutschland vermeidbar

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

2017 wurden 3,2 Mio. Blutkonserven bei Operationen verwendet. © iStock/vladacanon

Steht bei Ihrem Patienten eine elektive OP bevor? Dann prüfen Sie den Eisenspiegel, denn bei Patienten mit Eisenmangel-Anämie sind die Sterbe- und Komplikationsraten bei perioperativen Bluttransfusionen erhöht.

Auf die Risiken für Anämie-Patienten bei operativen Eingriffen macht der Krankenhausreport 2019 der Barmer aufmerksam. Ausgangspunkt ist die Betrachtung des Einsatzes von Blutkonserven. 2017 wurden 3,2 Mio. Blutkonserven bei Operationen verwendet. Damit hat Deutschland im internationalen Vergleich den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch.

Analysen der Krankenkasse für 2005 bis 2016 zeigen, dass Patienten mit Anämie häufiger perioperativ Bluttransfusionen verabreicht bekamen als Personen ohne Blutarmut. Nach Angaben von Professor Dr. Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer, erhielten rund 67 % der Anämie-Betroffenen bei einer Bypass-OP eine Bluttransfusion, ohne Anämie waren es nur 49 %. Bei Darmkrebs­operationen betrug das Verhältnis 41 zu 27 %.

Patient Blood Management – ein Konzept, das helfen kann

Verbunden mit den Transfusionen sind schlechtere Behandlungsergebnisse. Die Sterblichkeitsrate bei Anämie-Patienten mit einer Herzkranzgefäß-OP liegt unmittelbar nach dem Eingriff bei 4,3 %. Ohne Anämie sind es 1,8 %.

Der Barmer-Chef sprach sich deshalb für ein „Patient Blood Management“ (PBM) aus. Hierbei handelt es sich um ein Konzept zur Reduktion und Vermeidung von Anämie und Blutverlust sowie zum rationalen Einsatz von Blutprodukten. Es wird allerdings bisher nur von wenigen Einrichtungen genutzt.

Professor Dr. Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, verwies auf die Studienlage. Sie zeigt, „dass PBM die Anzahl an Bluttransfusio­nen wirksam reduzieren kann, ohne dass es dabei negative Auswirkungen auf andere Behandlungsergebnisse gibt beziehungsweise sich diese sogar verbessern“, so der Wissenschaftler.

Die geltende Hämotherapie-Richtlinie sowie die Querschnittsleitlinie zur Therapie mit Blutkomponenten der Bundesärztekammer für die Anwendung von Blutprodukten gehen ihm nicht weit genug. Die Umsetzung in der klinischen Praxis sei bisher unklar. Er fordert deshalb mit Blick auf weitergehende internationale Empfehlungen, konkrete Vorgaben und verbindliche Strukturen, um die Patientensicherheit in deutschen Kliniken zu erhöhen.

Auch der demografische Wandel macht einen effizienten Umgang mit Blutprodukten nötig, denn es gibt sowohl mehr ältere Menschen als auch immer weniger potenzielle Blutspender, so Prof. Augurzky. Prof. Straub ergänzte: Mit einem PBM wie in den Niederlanden ließen sich in Deutschland bis zu eine Million Blutkonserven pro Jahr einsparen.

Der Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, Professor Dr. Dr. Kai Zacharowski, bekräftigte die Forderungen. Er ist Leiter des Deutschen Netzwerks PBM, dem rund 40 Kliniken angehören. Eisenmangelanämie sei ein großes medizinisches und gesellschaftliches Problem, mahnte er.

Folgen der Blutarmut

Anämiepatienten im Vergleich zu Patienten ohne Anämie:

  • erhalten perioperativ häufiger Erythrozytenkonzentrate
  • bleiben länger im Krankenhaus
  • haben eine höhere Sterblichkeit im Krankenhaus und nach 30 Tagen
  • verursachen höhere stationäre Kosten.

Jeder dritte Chirurgie-Patient leidet vor der OP an Anämie

Prof. Zacharowski kritisierte, dass im chirurgischen Bereich etwa jeder dritte Patient bereits vor der OP an einer Anämie leidet, aber nur eine geringe Zahl präoperativ diagnostiziert und therapiert wird – trotz routinemäßiger Erfassung des Hb-Wertes. Dabei hätten Studien bestätigt, dass eine unbehandelte prä­operative Anämie einer der stärksten Risikofaktoren für die Transfusion von fremden Erythrozytenkonzentraten während oder nach einer OP ist. Laut Prof. Zacharowski lässt sich eine Anämie vor einem Eingriff gut behandeln, mit einer einmaligen intravenösen Eisengabe (500 mg bis 1 Gramm, Kosten etwa 50 bis 200 Euro). Nach ca. 20 Minuten seien die Eisenspeicher aufgefüllt.

Pressekonferenz der Barmer