Künstliche Intelligenz: Von der Diagnostik bis zum vernetzten OP-Saal

Gesundheitspolitik Autor: Saskia Göthel

So selbstverständlich wie für Autofahrer das Navigationssystem ist, könnte die KI für den Chirurgen werden. © iStock/Iaremenko

Als Unterstützung des Arztes kann Künstliche Intelligenz viele Prozesse in der Medizin erleichtern, beispielweise in der Bilddiagnostik. Eine Hürde bildet allerdings unter anderem der Datenschutz.

Künstliche Intelligenz wird Einzug in jede Arztpraxis und jedes Krankenhaus nehmen“, prophezeit Professor Dr. Jürgen Schäfer, Leiter des Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen am Universitätsklinikum Marburg. Einen richtigen Arzt werde die Technik jedoch nie ersetzen.

Dr. Tobias ­Müller, Leiter der Stabsstelle „Digitale Transformation“ der Rhön-Klinikum AG, sieht das ähnlich. Viele Studien, wie solche zur Bilddiagnostik, würden lediglich die Nicht-Unterlegenheit Künstlicher Intelligenz in der Medizin aufzeigen, damit aber nicht automatisch deren Überlegenheit beweisen. „Wir sollten nicht sagen, dass Künstliche Intelligenz besser als der Mensch sei“, folgert er. Stattdessen erinnert Dr. Müller daran, wie viel menschliche Arbeit sich hinter Künstlicher Intelligenz verstecke.

Klare Vorstellungen von einer Zukunft mit Künstlicher Intelligenz hat auch Professor Dr. ­Stefanie ­Speidel, Translationale Chirurgische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Dresden. Die Informatikerin sieht für die Chir­urgie einen vernetzten OP-Saal vor sich. Systeme werten Informationsquellen in Echtzeit aus und geben dem Chirurgen vor und während des Eingriffs Empfehlungen zum Vorgehen, z.B. wie am besten geschnitten werden sollte.

Laut Prognosen wird sich ab 2020 das medizinische Fachwissen alle drei Monate verdoppeln. Kein Mensch kann all diese Daten verarbeiten, eine Künstliche Intelligenz jedoch schon. Weitere Programme erkennen anhand der Endoskopiebilder während einer Operation, in welcher Phase der Chirurg sich befindet und wie lange der Eingriff voraussichtlich noch dauern wird. Erste Systeme dieser Art werden bereits entwickelt. Dabei soll dem Arzt nur eine Assistenz gegeben werden, ähnlich wie bei einem Navigationsgerät. Wie der Autofahrer entscheide am Ende der Chirurg, was zu tun ist, betonte Prof. Speidel.

Derzeit existieren in Deutschland viele kleine Inselprojekte mit Künstlicher Intelligenz, die hochspezialisiert auf einzelne Tätigkeitsbereiche sind. Grund dafür ist das hochfragmentierte Gesundheitswesen, erklärt Dr. Müller. Um mit anderen Ländern mitzuhalten, dürfe man aber nicht auf bundesweite Lösungen warten. Auch die Krankenhäuser hätten die Aufgabe, den Fortschritt voranzutreiben.

Krankenkassen haben Daten, dürfen aber nicht handeln

Dabei sei die Vernetzung von Daten besonders wichtig, bestätigt auch Prof. Schäfer. „Patienten können sich den Luxus Datenschutz nicht leis­ten“, sagt er. Als Beispiel nannte er den Fall eines 55-jährigen Patienten, der mit Verdacht auf Zytomegalie zu ihm kam. Mit seinen Symptomen wie Hypothyreose, Visus- und Hörverlust sowie kardialen Beschwerden hatte er bereits mehrere Fachärzte aufgesucht. Was erst dann herauskam: Der Patient hatte vor einiger Zeit eine neue Prothese im Hüftgelenk erhalten. Die Diagnose lautete am Ende Kobaltvergiftung. Anders als die Ärzte hätte die Krankenkasse laut Prof. Schäfer wesentlich schneller auf die Zusammenhänge kommen können. Schließlich wurden bei dem bisher gesunden Patienten plötzlich verschiedene Rechnungen von Fachärzten eingereicht – mit scheinbar unterschiedlichen Beschwerden. Ärzte benötigten Zeit, um an diese Informationen zu kommen und eine entsprechende Diagnose zu stellen.

Den Krankenkassen lägen theoretisch alle Informationen vor, um hier schneller zu reagieren, sie dürften aber nicht handeln. Entsprechend müsse Patienten ermöglicht werden, den Kassen eine Entflechtung des Datenschutzes zu gewähren. Mithilfe von KI-Software lassen sich inzwischen anhand von Symptomen sehr gut Listen mit möglichen Diagnosen erstellen.

Doch wie sicher kann Künstliche Intelligenz sein? Angst werde immer latent vorhanden sein, so Prof. Schäfer. Doch keiner wolle heutzutage noch fliegen, wenn der Pilot mitteilte, er lasse diesmal den Bordcomputer ausgeschaltet. Wieso würden die Menschen sich dann aber operieren lassen und sich dennoch alleine auf den „Taschenrechner des Chefarztes“ verlassen?

Quelle: eHealth-Kongress 2019