Krebsschutz für Jungs interessiert nicht HPV-Impfung wird sträflich vernachlässigt

Autor: Birgit Maronde

HPV-Infektionen haben bei Männern Tausende Krebsfälle pro Jahr verursacht. HPV-Infektionen haben bei Männern Tausende Krebsfälle pro Jahr verursacht. © Nadezhda Buravleva - stock.adobe.com

HPV-Infektionen haben bei Männern Tausende Krebsfälle pro Jahr verursacht. Besonders im Oropharynx und Anogenitalbereich zeigt sich der Zusammenhang. Trotz sicherer Impfung bleibt die Impfquote bei Jungen erschreckend niedrig – mit regionalen Extremen. 

Etwa jeder fünfte Mann ist mit mindestens einem HPV-Hochrisikotypen infiziert. Zwar ließe sich diese Rate deutlich senken, wenn konsequent gegen HPV geimpft würde. Doch das findet nicht statt. Angesichts steigender Zahlen virusassoziierter Oropharynx- und Anogenitalkarzinome erscheint dies bedenklich.

Bestimmte Typen des sexuell übertragbaren humanen Papillomavirus – vor allem HPV-16 und -18 – sind auch bei Männern für die Krebsentwicklung relevant. Eindeutig nachgewiesen ist der Zusammenhang zwischen einer HPV-Infektion und Tumoren im Oropharynx und im Anogenitalbereich, schreiben Dr. Klaus Kraywinkel und Dr. Anja Takla vom Robert Koch-Institut in Berlin.

Oropharynxkarzinome sind in ca. 50 % der Fälle HPV-bedingt

Aus aktuellen Registerdaten kann man schließen, dass in Deutschland etwa jedes zweite Oropharynxkarzinom HPV-attributabel ist. Ging man im letzten Jahrzehnt noch von 640 bis 1.380 solcher Fälle pro Jahr aus, muss man heute mit 1.900 Neuerkrankungen jährlich rechnen. Der zahlenmäßige Anstieg lässt sich vor allem mit einer besseren Diagnostik begründen. Mittlerweile wird das Tumorgewebe routinemäßig auf die Papillomaviren getestet, da viruspositive Karzinome besser auf bestimmte Therapien ansprechen als virusnegative, so Dr. Kraywinkel und Dr. Takla.

Was die Genese des Plattenepithelkarzinoms von Anus und Penis angeht, spielt HPV zu 88 % bzw. 32 % eine Rolle. Bei einer Gesamtzahl von jährlich 900 bzw. 1.000 Neuerkrankungen kann man von knapp 1.000 HPV-bedingten Tumoren im Anogenitalbereich ausgehen. Frühere Schätzungen lagen mit 722 bis 932 Fällen pro Jahr niedriger. Insgesamt wird also in Deutschland jedes Jahr bei fast 2.900 Männern ein HPV-bedingter bösartiger Tumor diagnostiziert.

Durch die „sehr wirksame und sichere“ Impfung im Kindes- und Jugendalter könnte man viele der nach Jahren bis Jahrzehnten auftretenden HPV-assoziierten Karzinome vermeiden, betonen die beiden Forschenden. 2023 war bundesweit allerdings nur ein Drittel der 15-jährigen Jungen vollständig gegen HPV geimpft. Das Argument, die Vakzine seien erst seit 2018 für diese Bevölkerungsgruppe zugelassen, ziehe nicht, schreiben die beiden. So kam man etwa in Dänemark und Kanada sehr rasch auf eine Impfquote von ca. 80 %. Und auch in Deutschland gibt es Regionen, in denen die Immunisierung funktioniert. So hat man z. B. 2023 im Kreis Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) bei Jungen eine Impfquote von „bemerkenswerten“ 72 % erreicht. Im Landkreis Mühldorf am Inn kam man dagegen nur auf magere 9 %. Der HPV-Impfschutz hängt ganz offensichtlich vom Wohnort eines Kindes ab, und das ist inakzeptabel, schreiben Dr. Kraywinkel und Dr. Takla.

Sie kritisieren, dass Ärztinnen und Ärzte zu selten aktiv zur Immunisierung raten. Wie Daten der Studie InvestHPV* für das Jahr 2023 zeigen, hat weniger als die Hälfte der Eltern von Kindern im Alter von 9 bis 14 Jahren eine ärztliche Empfehlung zur HPV-Impfung erhalten. Dazu kommen zwei weitere Faktoren, die sich negativ auf die Impfrate auswirken: Eltern sind seltener dazu bereit, ihren Sohn zu impfen als ihre Tochter – dem könnte man durch Aufklärung über das präventive Potenzial der HPV-Impfung auch bei Männern entgegenwirken. Zum anderen bewertet das medizinische Personal in den pädiatrischen Praxen die HPV-Impfung von Jungs etwas negativer als die von Mädchen. 

Quelle: * Interventionsstudie zur Steigerung der HPV-Impfquoten, Kraywinkel K, Takla A. Epid Bull 2025; 6: 3-7; doi: 10.25646/12991.2