Keine Reise wert Medizintourismus birgt allerlei Risiken

Gesundheitspolitik Autor: Dr. Anja Braunwarth

Zur Brustvergrößerung nach Mexiko, zur Po-Straffung nach Brasilien Zur Brustvergrößerung nach Mexiko, zur Po-Straffung nach Brasilien © kossovskiy - stock.adobe.com

Zur Brustvergrößerung nach Mexiko, zur Po-Straffung nach Brasilien: Ins Ausland reisen, um sich einer medizinischen elektiven oder notwendigen Behandlung zu unterziehen – so ist Medizintourismus definiert. Und er boomt. 2023 waren weltweit 14 Millionen Menschen aus diesem Grund unterwegs.

Damit generierten sie 24 Milliarden Dollar Umsatz bei den Behandelnden, und der wird bis 2030 geschätzt um etwa 20 % pro Jahr weiter steigen, berichtete Prof. Dr. Erich Schmutzhard von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck in Vertretung für seine Kollegin PD Dr. Bettina Pfausler.

Eine Reihe von Gründen treibt die Touristinnen und Touristen ins Ausland. Dazu gehören zum einen die Kostenersparnis bei kosmetischen Eingriffen und verkürzte Wartezeiten. Zum anderen nutzen nicht wenige die Chance, rechtliche Hürden zu umgehen, z. B. in der Fertilisationsmedizin. Oder sie haben den Wunsch, experimentelle Methoden auszuprobieren. Prof. Schmutzhard setzte dem einige Risiken entgegen: 

  • andere Qualitätsstandards per se
  • unsichere Qualität der verwendeten Produkte und Medikamente
  • Infektionsrisiken
  • erschwerte Kommunikation
  • fragliche Kontinuität der Pflege
  • Flugrisiko (vor allem zurück)
  • möglicherweise problematische Nachbehandlung zu Hause (ethisches Dilemma)

Er schilderte den Fall einer 56-jährigen, indischstämmigem Patientin, die sich bei einem Heimatbesuch in Indien einem ästhetischen Eingriff in Spinalanästhesie unterzog. Wenige Tage später entwickelte sie Fieber und erhöhte Infektparameter. Unter Ceftriaxon zeigte sich keine Besserung, die Frau wurde zurück nach Innsbruck gebracht. Klinisch dominierte eine Lumbalgie, eine Harnwegsinfektion bzw. Pyelonephritis standen im Raum. 

Bildgebung zeigte massiven Epiduralabszess auf Höhe L5

Sie bekam empirisch Meropenem. Nachdem sich im Antibiogramm ein carbapenemaseproduzierender multiresistenter Kl.-pneumoniae-Stamm nachweisen ließ, erfolgte die Umstellung auf Cefiderocol. Eine Besserung blieb weiter aus, stattdessen fanden sich zusätzlich E. coli und Enterococcus faecium mit Multiresistenzen. Die Lumbago war opioidrefraktär, in der Bildgebung sah man einen massiven Epiduralabszess auf Höhe L5. Die multiresistenten Keime waren inzwischen im Mittelstrahlurin, Harnkatheter sowie Abstrichen von Achsel, Leiste und Anus nachweisbar, kein Antibiotikum schlug an. Schließlich verstarb die Patientin an der schweren Infektion.

In einem anderen Fall bekam ein 58-Jähriger mit einer Subarachnoidalblutung und einem Verschlusshydrocephalus neun Tage nach externer Ventrikeldrainage eine schwere Ventrikulitis. Als auslösender Keim ließ sich Neoscytalidium hyalinum ermitteln. Dieser Schimmelpilz ist in tropischen/subtropischen Regionen beheimatet und löst typischerweise Onycho- und Dermatomykosen aus. Er kann aber auch in Gefäße einbrechen und Abszesse verursachen, darüber hinaus gibt es Berichte über invasive ZNS-Infektionen nach Organtransplantationen. Im vorliegenden Fall hatte sich der Mann sechs Wochen zuvor im Ausland einer Haartransplantation unterzogen. Seine Infektion heilte unter einer Therapie mit liposomalem Amphotericin B und Voriconazol vollständig aus.

Quelle:  Arbeitstagung Neurointensivmedizin 2025