Kolumne Zeit haben wir doch eh nie genug

Kolumnen Autor: Dr. Franziska Hegedüs

Manchmal kommen die Dinge ganz unverhofft – und oft zur vermeintlichen Unzeit. Manchmal kommen die Dinge ganz unverhofft – und oft zur vermeintlichen Unzeit. © pathdoc – stock.adobe.com

Manchmal kommen die Dinge ganz unverhofft – und oft zur vermeintlichen Unzeit. Ich wurde gefragt, ob ich für die Medical Tribune Kolumnen schreiben möchte. Meine erste Reaktion: Ja, unbedingt! Meine zweite: Aber ich habe doch keine Zeit ... 

Und was macht diese Kolumne überhaupt aus? Weisheiten? Meinungsbildung? Eine Art Psychotherapie? Oder das Miteinander von eigentlich unbekannten Kollegen? Schließlich fiebert man ja mit den Gedankengängen eines völlig Unbekannten mit! Man freut sich auf diesen Teil der Zeitung, schmunzelt mal oder nickt verständnisvoll, wenn man liest, dass es anderen genauso geht, dass Kolleginnen und Kollegen ähnliche Erlebnisse haben, denselben Hindernissen gegenüberstehen und clevere Lösungsideen entwickeln. 

Durch das Lesen der Kolumne fühlt man sich verbunden mit den anderen. Man erweitert den eigenen Gedankenhorizont. Egal, ob man der Meinung zustimmt oder ganz anderer Ansicht ist – die Themen gehen uns alle an und verbinden uns.

Ich mag das Format der Kolumne. Es ist kurzweilig, hat Tiefgang, mal ernst, mal lustig. Es bringt ein Thema für die Mittagspause, für das stille Sinnieren mit sich selbst oder zum Besprechen im Praxisteam. Jeder kann mitreden. Also – warum sollte ich nicht auch mitschreiben können?

Weil mir einfach die Zeit fehlt. Zeit. Das kostbarste Gut lernt man zu schätzen, wenn es fehlt. Vollzeitjob, Dienste, kleines Kind. Dazu ein Mann mit Vollzeitjob, Diensten, kleinem Kind und einem aufwendigem YouTube-Kanal, für den wir uns beide engagieren. 

Aber auch dieses Engagement ist eben wichtig. Mit Blick z. B. auf die USA zeigt sich, wie notwendig es ist, Desinformation nicht zu tolerieren, damit sie nicht außer Kontrolle gerät. Tagtäglich kämpfe ich in der Praxis gegen zweifelhafte alternative „Heilangebote“ und für evidenzbasierte Medizin. Und da in der Sprechstunde selten genug Zeit ist für Aufklärung, braucht es auch andere Kanäle in diesen Tagen, in denen oft nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterschieden wird. 

Und dann war da ja auch noch diese Facharztprüfung. Wieder dieses bekannte und doch stets neue Gefühl des Prüfungswagnisses. Dabei lässt einen allein schon der Wust an Bürokratie für die Prüfungsanmeldung schlottern. Seitenweise Papier im Original per Post. Jeder Stempel muss sitzen, jedes Datum korrekt sein. Die Zeiten müssen stimmen, die Untersuchungszahlen müssen stimmen. In diesem Chaos soll ich jetzt also noch etwas Neues wagen, auch wenn es klein erscheinen mag? 

Glücklicherweise bin ich in einer ländlichen Praxis tätig, die stets Neues probiert. Ein Vorreiter in der Region für Digitalisierung und Telemedizin. Der Versuch, den Alltag für uns und unsere Patientinnen und Patienten effektiver zu gestalten. Netzwerke aufbauen, neue Kooperationen finden. Nicht jeder gegen jeden, sondern miteinander auf einfachem Weg zu besseren Behandlungserfolgen und effektiv genutzter Zeit für uns und unsere Kolleginnen und Kollegen. Weg von der Praxisinsel, dem Alleinkämpfer mit Fax und Telefon, hin zum Verbund, per Video nach der Akutsprechstunde. Spart Zeit, spart Geld, spart Nerven. 

Aber der Weg dahin – das Überzeugen der Kolleginnen und Kollegen, das Sicherstellen der Finanzierung, das Organisieren des Equipments –, der ist steinig und keineswegs geradlinig. Und tatsächlich werden nur wenige der geplanten Projekte langfristig umsetzbar sein. Das Engagement lohnt sich trotzdem.

Neuland, Freiheit, Herausforderung: Neues wagen ist spannend. Es lockert unser Leben auf, es treibt uns an, es bringt uns voran – und manchmal lohnt es sich mehr, als wir vorher glaubten. Es gibt uns die Möglichkeit, uns zu beweisen, neue Perspektiven einzunehmen und dabei vielleicht andere zu inspirieren. Ich freue mich, Teil in diesem Projekt sein zu dürfen und daran wachsen zu können. Und ich wünsche uns allen, dass wir immer wieder solche Gelegenheiten haben, an Neuem zu wachsen – und sie dann auch nutzen. Zeit haben wir eh nie genug.