Medizinalcannabis Experte fürchtet wachsendes Stigma und erschwerte Genehmigungen durch Freizeitkonsum

Schmerz- & Palliativtag 2025 Autor: Dr. Claudia Schöllmann

Die Grenzen zwischen Freizeitkonsum und medizinischer Nutzung verschwimmen laut dem Experten zunehmend Die Grenzen zwischen Freizeitkonsum und medizinischer Nutzung verschwimmen laut dem Experten zunehmend © UrbanExplorer - stock.adobe.com

Die Teillegalisierung für den Freizeitkonsum hat inhaltlich keinen Einfluss auf die Verordnung von Medizinalcannabis. Warum sie die cannabisbasierte Medizin dennoch negativ beeinflusst und was helfen könnte, erläutert nun ein Experte.

Der Einsatz von medizinischem Cannabis als Analgetikum hat laut Dr. Konrad F. Cimander vom Kompetenzzentrum für Cannabis-Medizin, K.C.M. Hannover, viele Vorteile. Mit ihren rund 600 Inhaltsstoffen und den „Hauptplayern“ ∆9-trans-Tetrahydrocannabinol (THC) sowie Cannabidiol (CBD) seien Cannabiszubereitungen im Vergleich zu anderen Analgetika besser verträglich und hätten ein „substanziell geringeres Abhängigkeitsrisiko“ als Opioide. Darüber hinaus sei das Risiko einer Überdosierung gering. 

Das schmerzreduzierende THC entfaltet seine vielfältigen Wirkungen im Organismus durch Bindung an die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Der entzündungshemmende und schmerzlindernde Inhaltsstoff CBD, der anders als THC nicht psychoaktiv wirkt, bindet wiederum an andere Rezeptortypen.

Die vereinfachte Verschreibung von Medizinalcannabis als Folge der Teillegalisierung (die Dr. Cimander grundsätzlich begrüßt) hat dem Experten zufolge leider den negativen Effekt, dass telemedizinische Plattformen den medizinischen Markt mit privaten Verordnungen fluteten – oft ohne die Betroffenen jemals gesehen zu haben. Zudem hätten sich die Importe von Cannabisblüten nach Deutschland vom 1. bis zum 4. Quartal 2024 vervierfacht, mit weiter steigender Tendenz. 

Diese und andere Entwicklungen haben laut dem Referenten zur Folge, „dass Medizinalcannabis und Cannabis für den Freizeitmarkt nicht mehr klar voneinander unterschieden werden können“. Das befördere eine Stigmatisierung von Behandler:innen und Behandelten. Zudem werde die Erstattung von medizinischem Cannabis (vor allem Blüten) in jüngster Zeit immer öfter verweigert und eine Cannabistherapie zunehmend kritisch gesehen.

Die Lösung für die cannabisbasierte Medizin sieht Dr. Cimander in der Entwicklung standardisierter Produkte für medizinische Anwendungen. Bereits in diesem Jahr stehe die erste Zulassung eines standardisierten Cannabisextraktes zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen nach durchlaufener Phase-3-Studie an; weitere bei anderen Indikationen werden in den kommenden Jahren erwartet. Die Standardisierung von Produkten trage dazu bei, die medizinische Nutzung wieder vom Freizeitmarkt abzutrennen und dadurch auch wieder eine bessere Erstattung zu ermöglichen. Aktuell rät der Kollege Behandelnden dazu, vor der Verordnung eine Genehmigung der jeweiligen Krankenkasse einzuholen, obwohl dies offiziell nicht erforderlich sei.

Quelle: Cimander KF. Deutsche Schmerz- und Palliativtage 2025; Symposium „Iatrogene Sucht und Abhängigkeit: gefährdet der Freizeitkonsum die medizinische Versorgung mit Cannabinoiden (CAM)?“