Organspende: Mangelnde Spendebereitschaft ist nicht das Problem

Autor: Michael Brendler

Die Ärzte und Kliniken haben es in der Hand, etwas gegen den Organmangel zu unternehmen. © iStock/sergeklein

Im Jahr 2017 warteten 1500 Patienten mehr auf den rettenden Organersatz als noch sieben Jahre zuvor. Statt Patienten mit Widerspruchslösungen zu verwirren, sollten lieber die Krankenhäuser in die Pflicht genommen werden, meinen Experten.

Die Verkehrstoten in Deutschland werden weniger, bei Subarachnoidalblutung und Schlaganfall sinkt die Mortalität. Gleichzeitig steigt die Prävalenz von Erkrankungen, die einer Organspende entgegenstehen. An möglichen Erklärungen für die sinkende Organspenderate herrscht kein Mangel. Aber sind die Trends tatsächlich dafür verantwortlich, dass immer weniger Herzen, Nieren und Lebern gespendet werden?

Nein, sagen Dr. Kevin Schulte von der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und seine Kollegen. Sie nahmen mit dem Analyseprogramm der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) alle vollstationären Behandlungsfälle zwischen 2010 und 2015 unter die Lupe. Der „DSO-Transplantcheck“ kann anhand der ICD-Codes die Zahl der Verstorbenen ermitteln, die theoretisch für eine Organspende in Betracht gekommen wären.

Defizite beim Erkennen und Melden der Spender

Tatsächlich nahm die Zahl der potenziellen Organspender in dem Zeitraum, in dem die Transplantationsrate um 32,2 % gesunken ist, sogar um 13,9 % zu, heißt es in ihrem Bericht. Das hatte zwei Gründe: Trotz eingeführter Patientenverfügung wurden 2015 mehr Patienten mit Hirnschäden intensivmedizinisch betreut als noch fünf Jahre zuvor. Und die Zahl der Hirntoten stieg ebenfalls.

Auf der Suche nach einer Erklärung wurden die Wissenschaftler in den DSO-Jahresberichten fündig. Dort ist zu lesen, dass in dem Zeitraum zwischen 2010 und 2017 die Zahl der von den Kliniken gemeldeten Organspende-Kandidaten um 20 % zurückging. „Offensichtlich ist also ein Erkennungs- bzw. Meldedefizit der maßgebliche Grund für die rückläufigen Zahlen der letzten Jahre“, kritisieren die Autoren.

Sechs Musterschüler unter den Kliniken

Dies scheint allerdings nicht in gleichem Maße für alle Krankenhäuser zu gelten. Laut den Abrechnungsdaten der Universitätskliniken melden die sechs besonders gewissenhaften Häuser bei vergleichbarem Aufkommen potenzieller Spender etwa zwanzigmal mehr Kandidaten als andere. Wären alle Krankenhäuser ähnlich pflichtbewusst wie diese Mus­terschüler gewesen, hätten in Deutschland mehr als dreimal so viele Organspenden realisiert werden können, hat das Team errechnet.

Der Ansatz der Politik nimmt trotzdem die Spendebereitschaft der Bevölkerung ins Visier. Allerdings bezweifeln die Autoren, dass die geplante doppelte Widerspruchslösung viel bewirken wird. Schon jetzt liegt bei 76 % der Hirntoten die Zustimmung zur Spende vor, heißt es. 18 % der Bevölkerung wiederum haben bereits selbst per Spenderausweis einer Organentnahme den Riegel vorgeschoben.

Selbst im Idealfall, so Dr. Schulte und Kollegen, lasse sich die Spenderate über die Widerspruchslösung nur um wenige Prozente steigern. „Die Gründe für die niedrigen Zahlen sind nicht bei der Bevölkerung zu suchen“, betonen sie. Statt ethisch konfliktive Debatten anzustoßen, solle die Politik sich stärker auf eine Verbesserung der Prozesse konzentrieren.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war das seit April geltende Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende GSZO: Seitdem erhalten die Kliniken nicht nur eine bessere Vergütung für den Spendeprozess, auch die Kosten für die Stellen der Transplantationsbeauftragten bekommen sie erstattet. Zusätzlich wurde ein flächendeckender Rufdienst zur Hirntoddiagnose eingerichtet. Besonders lobenswert finden Dr. Schulte und Kollegen aber: Den Klinken wird bei der Spendererkennung und -meldung zukünftig genauer auf die Finger geschaut.

Quelle: Schulte K et al. Urologe 2019; 58: 888-892