
Gefäßerkrankungen bei Diabetes Wer Schmerzen spürt, ist klar im Vorteil

Bei der Diagnostik und Therapie gilt es, die unterschiedliche Pathophysiologie im Blick zu behalten. Doch auch bei weniger häufigen Phänomene wie der Amaurosis fugax sollten die Alarmglocken läuten.
Zur komplexen Pathophysiologie des Diabetischen Fußsyndroms (DFS) gehören Gewebeveränderungen am Fuß wie Schwielen, Infektionen, Ulzerationen und Nekrosen. Ähnliche Symptome können auch bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) auftreten „Dennoch sind DFS und PAVK fundamental unterschiedliche pathophysiologische Entitäten“, erklärte Professor Dr. Gerhard Rümenapf vom Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer. Eine PAVK sei – auch aufgrund ihrer verständlichen Pathophysiologie – eigentlich einfach zu diagnostizieren. „Anamnese erheben, Pulse tasten, Dopplerdrücke messen“, erklärte der Gefäßchirurg.
DFS erfordert aufwendiges interdisziplinäres Vorgehen
Der wichtigste Punkt bei der Abgrenzung zwischen DFS und PAVK (siehe Kasten) sei das Auftreten von neurologischen Veränderungen. „PAVK-Patienten verspüren Schmerzen – und das ist ihr Glück“, sagte Prof. Rümenapf. Während eine pathologische Druckbelastung bei PAVK zu Schmerzen führt, bleiben Fußläsionen beim DFS aufgrund der weit verbreiteten Polyneuropathie (PNP) oft schmerzlos. Und während ein Gewebeverlust bei PAVK Ausdruck der kritischen Ischämie ist, tritt er beim DFS in der Regel als indirekte Folge der fehlenden Nozireption auf.
Zwar liege auch im Zusammenhang mit einem DFS in mehr als 50 % der Fälle eine relevante PAVK in verschiedenen Schweregraden vor, aber der Hauptunterschied sei dennoch die PNP. Prof. Rümenapf skizzierte das aufwendige interdisziplinäre Vorgehen beim DFS gegenüber dem nahezu „primitiven gefäßmedizinischen Therapiekonzept“ bei der PAVK. Denn auch nach einer umfangreichen DFS-Behandlung mit Druckentlastung und stadiengerechtem Wundmanagement müsse eine lebenslange Nachsorge erfolgen. „Der PAVK-Patient kommt wieder, wenn er Beschwerden hat. Ein DFS hingegen macht keine Beschwerden, diese Menschen kommen von allein nicht unbedingt wieder“, betonte Prof. Rümenapf.
Amaurosis fugax: ein medizinischer Notfall
Die Augenärztin Dr. Dorothee Brockmann von der Medizinischen Hochschule Hannover lenkte die Aufmerksamkeit auf die Amaurosis fugax (AF), die zu den retinalen Gefäßverschlüssen zählt und als medizinischer Notfall zu werten ist, der eine umgehende interdisziplinäre Abklärung erfordert. Dabei handelt es sich um einen vorübergehenden, meist nur wenige Sekunden bis mehrere Minuten andauernden monokularen Verlust der Sehkraft infolge einer Minderperfusion der Retina. Betroffen sei in der Regel das obere oder sogar ganze Gesichtsfeld, das in der Regel als schwarz, grau oder vernebelt beschrieben wird.
In der Regel trete eine AF innerhalb weniger Sekunden ein und verlaufe schmerzlos. „Bei der Untersuchung sind die Symptome meist nicht mehr nachweisbar“, erklärte Dr. Brockmann. Betroffen seien vor allem Menschen zwischen dem 55. und 75. Lebensjahr, wobei Männer etwa doppelt so häufig eine AF erleben wie Frauen. Das Risiko einer dauerhaften Erblindung liege bei einem Prozent.
In der diabetologischen Praxis ist die AF als Warnsignal für eine schwerwiegendere zerebrovaskuläre Erkrankung zu werten: „In 80 % der Fälle liegen gleichzeitig auch Karotisstenosen vor“, betonte die Ophtalmologin. Entsprechend hätten Betroffene ein um Faktor 4 bis 5 erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Sie empfahl dem Plenum, Patient*innen den Ablauf einer AF in ihren eigenen Worten schildern zu lassen („Ich habe X gemacht, dann ist es dunkel geworden.“) „Insbesondere wenn Patienten diese Ausfälle häufiger erleben, zeigen sich meist bestimmte Ablaufmuster.“ So seien Palpitationen oder Angina pectoris ein Hinweis auf kardiale Gefäßprobleme, während Aphasie bzw. Hemisymptomatik auf die Carotis und Schmerzen im Halsbereich auf eine Carotisdissektion hinwiesen.
Quelle: Diabetes Herbsttagung 2024