Mit Koronarkalk weiterradeln? Wann Athletenherzen in Gefahr geraten

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Ab einem Alter von 35 Jahren sollte man bei sportlich sehr Aktiven vorsorglich mit gängigen Scores die Gefahr einer Atherosklerose erfassen. Ab einem Alter von 35 Jahren sollte man bei sportlich sehr Aktiven vorsorglich mit gängigen Scores die Gefahr einer Atherosklerose erfassen. © Tymoshchuk – stock.adobe.com

Selbst wenn sie keine oder gut eingestellte traditionelle Risikofaktoren haben, sind Sportlerinnen und Sportler nicht vor einer KHK gefeit. Im Gegenteil: Möglicherweise gefährden die körperlichen Aktivitäten ihr Herz sogar. Es gilt daher, diese Patientengruppe kardial genau zu evaluieren.

Regelmäßige körperliche Aktivitäten sollen vor einer KHK schützen, das wurde für Normalsterbliche auch belegt. Aber in verschiedenen Kohortenstudien fand sich eine erhöhte Prävalenz von Koronarkalk und Plaques bei männlichen Athleten. Und jüngere Studien aus der Bildgebung haben gezeigt, dass ein über längere Zeit mit hoher Intensität durchgeführtes sportliches Training mit einer koronaren Atherosklerose assoziiert ist.

Daten bisher nur für Männer kaukasischer Herkunft

Allerdings wurden die Daten überwiegend bei Männern mittleren Alters kaukasischer Herkunft erhoben, die jahrzehntelang ein intensives Ausdauertraining betrieben. Ein Zusammenhang mit klinisch relevanten Koronarereignissen und Kalzifikation bei anderen Gruppen ist noch nicht belegt.

Fest steht, dass akute körperliche Belastungen eine Gefahr bergen, vor allem bei zugrunde liegener KHK, so das Autorenteam um Prof. Dr. Guido­ Claessen­ vom Biomedical Research Institute der Universität in Hasselt. Mit der KHK zusammenhängende kardiale Ereignisse sind nach wie vor die häufigste Ursache (bis zu 80 %) für einen sportassoziierten plötzlichen Herztod. Betroffen sind überwiegend Männer mittleren Alters. Bei 40–50 % dieser Todesfälle ergab die Obduktion isolierte stabile Plaques und chronische Läsionen. Somit hat die starke körperliche Aktivität wahrscheinlich eine bedarfsbedingte Ischämie ausgelöst, regelmäßiges Training könnte diese Gefahr mindern.

Präventiv sollte man bei Sportlerinnen und Sportlern über 35 Jahren die Atherosklerosegefahr erfassen. Dazu gehört zunächst die Identifizierung klassischer Risikofaktoren einschließlich verfrühter KHK-Erkrankungen in der Familie. Dabei sind Scores vorzuziehen, die die Wahrscheinlichkeit relevanter Gefäßereignisse (Myokardinfarkt, Tod) beinhalten. Die meisten Instrumente messen allerdings nur relativ kurze Zeiträume (zehn Jahre) und können somit das Lebenszeitrisiko bei jungen Menschen erheblich unterschätzen. Auch wichtige Faktoren wie ungesunde Ernährung und psychosozialer Stress werden nicht eruiert.

Vorteil der Revaskularisierung bei Symptomfreiheit nicht klar

Kalk-Score und koronare CT-Angio­grafie gehören nicht zur Routine­diagnostik. Denn der Nutzen einer Revaskularisierung bei asymptomatischen Patientinnen und Patienten unabhängig vom Ausmaß der athero­matösen Plaque ist bisher nicht belegt. Außerdem kann die Detektion derartiger Veränderungen bei beschwerdefreien Sportlerinnen und Sportlern schwere Ängste auslösen. Die funktionelle Evaluation kann bei ihnen aber erwogen werden. Sie ermöglicht den Ausschluss signifikanter Ischämien, und wenn das feststeht, darf der Betroffene weiter trainieren.

Angesichts der möglichen Assoziation zwischen lebenslangem Ausdauersport und KHK stellt sich die Frage nach der besten Primärprävention für sportlich Aktive mit erhöhtem Kalkscore oder Plaques in der CT-Angiografie. Beobachtungsdaten sprechen dafür, dass regelmäßiges Training zwar akute Koronarereignisse auslösen kann, aber gleichzeitig das Risiko für belastungsbedingte Events senkt.

Die Inzidenz derartiger Zwischenfälle steigt mit dem Kalkscore, bleibt aber bei Menschen mit hoher Ausgangsfitness geringer. In einer Studie bei Männern mit einem Kalk-Score > 400 erlitten etwa 50 % der untrainierten Probanden innerhalb von 25 Jahren ein kardiovaskuläres Ereignis, im fitten Vergleichskollektiv traf dies nur 20 %. Allerdings fehlen noch Studien, die einen individuell günstigen Effekt belegen. Bis es so weit ist, rät die Gruppe um Prof. Claessen sportlich Aktiven mittleren Alters, ihre Fitness zu erhalten und klassische Risikofaktoren gut einzustellen, z. B. durch eine blutdruck- und cholesterinsenkende Therapie.

Quelle: Claessen G et al. Eur Heart J 2024; DOI: 10.1093/eurheart/ehae927