Tumor-Prädispositionssyndrom Das Krebsrisiko liegt in der Wiege

Autor: Dr. Melanie Söchtig

Träger von Keimbahnmutationen sollten in vielen Fällen frühzeitig und regelmäßig entsprechende Kontrolluntersuchungen wahrnehmen. Träger von Keimbahnmutationen sollten in vielen Fällen frühzeitig und regelmäßig entsprechende Kontrolluntersuchungen wahrnehmen. © Andrii Yalanskyi – stock.adobe.com

Hinter endokrinen Krebserkrankungen steckt in vielen Fällen ein Tumor-Prädispositionssyndrom. Für die Früherkennung und Prävention ist es wichtig, die verschiedenen Syndrome zu kennen und zu wissen, wann molekulargenetische Tests angezeigt sind.

Mindestens jede zehnte Krebserkrankung lässt sich auf eine genetische Veranlagung zurückführen. Dies trifft insbesondere für endokrine Neubildungen zu, wo Tumor-Prädispositionssyndrome bis zu 40 % der Fälle ausmachen. Der Verdacht auf ein erbliches Tumorsyndrom liegt nahe, wenn mehrere Mitglieder der selben Familie erkrankt sind. Weitere Hinweise sind das Auftreten multipler Tumoren bei einem Patienten und ein frühes Erkrankungsalter, schreiben Dr. Lina Jegodzinski und Dr. Judith Gebauer vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck.

Hypophyse

Etwa 10–15 % aller intrakraniellen Tumoren sind Hypophysenadenome. Sie können beispielsweise im Rahmen eines familiären isolierten Hypophysenadenoms (FIPA) oder des McCune-Albright-Syndroms (MAS) auftreten. Bei etwa jedem fünften FIPA-Fall lässt sich eine Mutation im AIP-Gen feststellen, das vermutlich als Tumorsuppressor wirkt. Diese Mutation führt insbesondere zum hypophysären Gigantismus. Anlageträger sollten sich ab dem fünften bzw. zehnten Lebensjahr hormonellen Untersuchungen bzw. MRT-Untersuchungen unterziehen.
Das MAS ist durch Café-au-lait-Flecken, eine fibröse Knochendysplasie und Pubertas praecox und/oder eine Akromegalie gekennzeichnet. Ihm liegt eine somatische Mutation im komplexen GNAS-Locus (20q13.2) zugrunde. Im Gegensatz zu den meisten anderen Tumor-Prädispositionssyndromen, die einem autosomal-dominanten Erbgang folgen, wird es deshalb nicht weitervererbt und die Diagnose fußt auf den klinischen Merkmalen.

Schilddrüse

Schilddrüsenkrebs ist das häufigste endokrine Malignom. Man unterscheidet zwischen differenzierten, anaplastischen und medullären Schilddrüsenkarzinomen (Medullary Thyroid Cancer; MTC). Letztere finden sich gehäuft bei Patienten mit multipler endokriner Neoplasie vom Typ 2 (MEN2), der eine Keimbahnmutation im RET-Protoonkogen zugrunde liegt. Eine molekulargenetische Diagnostik ist bei Erstdiagnose eines MTC, beim MEN2B-Phänotyp, bei Phäochromozytomen (bilateral oder vor dem 30. Lebensjahr) sowie bei Morbus Hirschsprung indiziert. Bei guter Genotyp-Phänotyp-Korrelation sollte jährlich ein biochemisches Screening erfolgen.

Auch Patienten mit Cowden-Syndrom tragen ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsen- sowie für Brust- und Gebärmutterhalskrebs. Das Cowden-Syndrom geht mit hamartomatösen Veränderungen und epithelialen Tumoren sowie einem vermehrten Auftreten von Schilddrüsenknoten einher. Einem Viertel der Fälle liegen Keimbahnmutationen im PTEN-Gen zugrunde. Bei Anlageträgern werden Schilddrüsensonografien ab dem siebten Lebensjahr sowie regelmäßige Vorsorgekoloskopien und gynäkologische Untersuchungen empfohlen. Weitere Syndrome mit Neubildungen in der Schilddrüse sind familiärer nicht-medullärer Schilddrüsenkrebs, die familiäre adenomatöse Polyposis sowie das DICER1-Syndrom.

Nebenschilddrüse

Das Auftreten multipler Tumoren, v. a. in der Nebenschilddrüse, ist charakteristisch für die MEN1-Erkrankung. Betroffene sollten lebenslang alle ein bis drei Jahre biochemische und bildgebende Untersuchungen wahrnehmen. Eine wichtige Differenzialdiagnose ist die MEN4-Erkrankung, der eine CDKN1B-Mutation zugrunde liegt.

Maligne Nebenschilddrüsentumoren in Verbindung mit ossifizierenden Fibromen des Kiefers sowie Nieren- und Gebärmuttertumoren sind charakteristisch für das Hyperparathyreoidismus-Kiefertumor-Syndrom, das meist durch eine CDC73-Mutation verursacht wird. Bei Trägern der Mutation sind engmaschige Kontrollen und eine frühzeitige Resektion vergrößerter Nebenschilddrüsen angezeigt.

Nebenniere

Neben gutartigen Tumoren können sich in der Nebenniere Phäochromozytome und Paragangliome (PPGL) sowie adrenokortikale Karzinome (ACC) bilden. Eine genetische Tes­tung wird bei jeder Erstdiagnose von PPGL sowie gegebenenfalls bei Patienten mit ACC empfohlen.

Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von PPGL tragen unter anderem Menschen mit hereditärem Paragangliom-/Phäochromozytom-Syndrom. Bei Trägern einer prädisponierenden Keimbahnmutation im SDHB*-Gen sollten regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen ab einem Alter von fünf Jahren erfolgen. Im Fall von Mutationen anderer Succinat-Dehydrogenase-Gene (SDHA, SDHC und SDHD) beginnt die Vorsorge mit zehn Jahren.

Im Rahmen des Carney-Komplexes treten multiple endokrine Neoplasien in Kombination mit kardialen und kutanen Manifestationen auf. Für Träger einer Keimbahnmutation im Tumorsuppressor-Gen PRKAR1A sind mindestens einmal pro Jahr Vorsorgeuntersuchungen vorgesehen.

Pankreas

Hinter etwa jeder zehnten bösartigen Neubildung im Pankreas steckt ein neuroendokriner Tumor, der in rund 10 % der Fälle mit einem Prädispositionssyndrom zusammenhängt. Die meisten Betroffenen leiden unter einem MEN1-Syndrom (30–80 %), gefolgt vom Von-Hippel-Lindau-Syndrom (10–17 %), Neurofibromatose Typ 1 (10 %) und der tuberösen Sklerose (1 %).

Quelle: Jegodzinski L, Gebauer J. Dtsch Med Wochenschr 2024; 149: 283-289; DOI: 10.1055/a-2131-2450