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Urlaub vom Diabetes in der alten Heimat Menschen mit Migrationshintergrund, die Diabetes haben, brauchen eine kultursensible Betreuung
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Rund jeder vierte in Deutschland lebende Mensch hat einen Migrationshintergrund und bei mindestens 600.000 wurde ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert, berichtete Dipl.-Med. Alain Barakat vom Diabetes Zentrum Duisburg-Mitte (DZDM). Neben der Türkei, als dem mit Abstand zahlenmäßig stärksten Herkunftsland, stammen viele Menschen aus Polen, der ehemaligen Sowjetunion, Syrien, Italien und Rumänien, dazu kriegsbedingt aus der Ukraine und afrikanischen Staaten. Durch Alltagsprobleme (z. B. Angst vor Abschiebung) sei der Diabetes für viele Patient*innen mit Migrationshintergrund nebensächlich. „Viele der Zugezogenen kennen das deutsche Gesundheitssystem mit seinen Vorsorge- und Therapiemöglichkeiten nicht und nehmen es daher nicht in Anspruch.“
Sprachprobleme und kulturelle Barrieren
„Die Diabetestherapie lebt von der Kommunikation – Sprachbarrieren stellen die größte Herausforderung dar“, sagte der Facharzt für Innere Medizin. Zu Sprachdefiziten komme teils Analphabetismus – nicht nur bei Menschen aus ganz abgelegenen Bergregionen. Eine 35-jährige, schwangere Patientin schicke ihm täglich einzelne Fotos von ihren Blutwerten über einen Social-Media-Kanal, da sie die Werte nicht aufschreiben und zusammenfassen könne.
Viele Zugezogene hätten nur geringe Kenntnisse über die Krankheitsentstehung und eine niedrige Gesundheitskompetenz. Krankheitswahrnehmung und Symptomschilderungen seien kulturabhängig. Manche Erkrankungen würden schlichtweg als gottbestimmt angesehen und verschwiegen. Kulturell bedingt dürften manche Frauen ohne ihren Ehemann keine Arztpraxis betreten und könnten keine Schulungstermine wahrnehmen. Rentner*innen flögen oft für mehrere Monate in ihre alte Heimat und kämen danach deutlich schlechter eingestellt zurück. Ernährungsmuster wie der Verzehr von Pita (Weißmehlweizenbrot) zu allen Mahlzeiten im östlichen Mittelmeerraum seien für die Diabeteseinstellung ebenso wenig optimal wie Beilagen aus geschältem Reis oder Bulgur (Weizengrieß) oder süße, mit Sirup übergossene Desserts.
Fastenzeiten sind essenzieller Bestandteil vieler Religionen. Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko seien gemäß dem Koran vom Fasten befreit, erklärte Dipl.-Med. Barakat, während gut eingestellte Patient*innen in enger ärztlicher Abstimmung am Ramadan teilnehmen könnten. Für Menschen mit ultra-orthodoxem jüdischem Glauben sei der Rabbiner die erste Instanz, nicht der Arzt. An normalen Wochentagen therapietreu, würden am Schabbat gerne bei Familientreffen besondere Leckereien verzehrt.
Angst vor Entwurzelung durch Lebensstiländerung
Bei Menschen aus arabischen Ländern stellt der Diabetologe DDG immer wieder fest, dass Entscheidungen nicht ohne die Einbeziehung von wichtigen Personen aus dem Umfeld der Patient*innen getroffen werden. „Die Verzögerung beim Zugang zu medizinischen Diensten und Diagnosen wird durch Ratschläge von Bezugspersonen verursacht, die durch Erzählungen und Anekdoten das System bagatellisieren und den naiven Glauben an eine Heilung nähren, die quasi von selbst geschehen wird.“ Im normalen Praxisalltag bestünden Compliance-Probleme, Kontrolltermine würden häufig ohne Absage nicht wahrgenommen.
Für eine optimale Diabetesbetreuung erachtet Dipl.-Med. Bakarat es daher als sehr wichtig, Vertrauen in die Leistungserbringer zu generieren, auch durch eine stärkere Einbeziehung der Familie von Betroffenen. Bewegungs- und Ernährungsempfehlungen sollten patientenzentriert und kulturell angemessen sein. In der direkten Kommunikation könnten paraverbale Elemente wie Gestik, Mimik oder Tonfall helfen. Eine individuelle, kultursensible Beratung und Therapie sei unumgänglich, gleichzeitig sehr anspruchsvoll und erfordere Kreativität und Flexibilität.
Quelle: Diabetes Kongress 2023